Sie dürfen nicht auf der Strecke bleiben: Kinder in Bedarfsgemeinschaften

Aktuell leben in Baden-Württemberg 152.596 Kinder und Jugendliche in Bedarfsgemeinschaften, also in Haushalten, die Grundsicherung nach Sozialgesetzbuch II beziehen (Stand: Januar 2021). Online-Schulunterricht und mangelnde Kinderbetreuungsmöglichkeiten als Folge der Corona-Pandemie setzen ihnen noch stärker zu als anderen. Die Bundesagentur für Arbeit begleitet Bedarfsgemeinschaften daher mit flexiblen Angeboten.
 
Kinder und Jugendliche in Bedarfsgemeinschaften sind stärker als andere gefährdet, später einmal selbst Grundsicherung zu beziehen. Deswegen setzt die Bundesagentur für Arbeit mit ihrem familienzentrierten Ansatz vor allem darauf, Eltern oder Erziehungsberechtigte auch in eingeschränkter Präsenz zu erreichen, sie zu unterstützen und ihren Weg in Beschäftigung oder eine vorbereitende Qualifizierungsmaßnahme zu fördern: Ihr Vorbild prägt Lebensweise und Ansichten der Kinder.

Aber wie können Erwachsene angesprochen und motiviert werden, wenn Schulunterricht online zuhause stattfindet, das Datenvolumen nicht für alle reicht und Jugendliche kein Praktikum finden? 49 Prozent der Kinder in den Bedarfsgemeinschaften des Landes sind sechs bis unter 15 Jahre alt, also im Schulalter und noch nicht erwerbsfähig, weitere 13,2 Prozent 15 bis unter 18 Jahre. Vor allem ihre Mütter sind noch stärker als bisher mit der Betreuung ausgelastet.
Für Christian Rauch, Leiter der Regionaldirektion Baden-Württemberg der Bundesagentur für Arbeit, ist daher besonders wichtig: „Auch in Zeiten von Corona stehen die Jobcenter Erziehungsberechtigten im Leistungsbezug zur Seite: über die Jobcenter-Hotline, in manchen Fällen auch über eine Videoberatung oder ein Treffen im Freien. Mein Rat ist in jedem Fall: Gehen Sie mit Ihren Fragen und Anliegen auf Ihre Vermittlungs- und Beratungsfachkraft zu.“
 
Drei Mitarbeiterinnen aus Jobcentern in Stadt- und Landkreisen Baden-Württembergs berichten über ihre Erfahrungen und die Möglichkeit, Bedarfsgemeinschaften auch unter erschwerten Bedingungen zu erreichen und zu unterstützen:

Martina Kraut-Bretz, Jobcenter Karlsruhe-Stadt, Leiterin Projekt Alleinerziehende
„Wichtig im Umgang mit den Familien ist vor allem, ihnen zu zeigen, dass ihre Situation und ihre Sorgen auch jenseits von Vermittlung und Leistungsgewährung wahrgenommen werden. Dazu gehören etwa Fragen nach der häuslichen Situation unter dem Einfluss von Homeschooling und Onlinefortbildungen: Wenn Kinder aus verschiedenen Schulklassen an einem Tisch Hausaufgaben machen oder das WLAN nicht zuverlässig funktioniert, kommt es schnell zu Spannungen. Da können sich Eltern nicht mehr auf ihre eigene Zukunft konzentrieren und selbst online lernen. Ihnen können wir beispielsweise die Verlängerung einer Maßnahme gewähren.
Die Bildungsträger reagieren immer wieder sehr schnell in der Krise und stellen flexibel auf Online- oder Hybridschulungen um, manche bieten leihweise auch Endgeräte an. Es freut es uns immer sehr, zu erleben, wie groß die Bereitschaft vieler Erwachsener ist, zu arbeiten und den Kindern ein gutes Vorbild zu sein. Unsere Betreuer und Betreuerinnen setzen auf Beratung per Telefon oder Formate wie Walk and Talk im Freien.
Kurz: Alle, die können und sich einbringen, werden von uns individuell unterstützt und gefördert.“
 
Dr. Astrid Koberstein-Pes, Jobcenter Landkreis Konstanz
„Für Kinder und Jugendliche ist es in der Pandemiezeit besonders belastend, dass sie aufgrund der eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten kaum Austausch mit Gleichaltrigen haben und auf wenig Unterstützungsmöglichkeiten außerhalb der Familie zurückgreifen können. Hinzu kommt häufig Bewegungsmangel aufgrund fehlender oder stark eingeschränkter Freizeitaktivitäten, es fehlt ihnen an kreativer Abwechslung im Alltag. Onlineangebote und Homeschooling können an fehlenden Kompetenzen und einer störanfälligen Lernumgebung scheitern; alle diese Themen stehen oft in einem kausalen Zusammenhang mit den jeweiligen Lebensumständen. Daher ist es uns wichtig, jede Familie einzeln zu begleiten, auf ihre jeweilige Lebens-, Wohn- und Bildungssituation zu reagieren und sie individuell zu unterstützen.
Eltern mit Kindern im Vorschulalter erreichen wir am besten mit Kursangeboten, bei denen eine Kinderbetreuung mitangeboten wird; andere beraten wir derzeit eher perspektivisch, also mit Blick auf die Zeit nach der Pandemie. Was Bildung und Berufswahl angeht, beeinflussen sicherlich Eltern ihre Kinder durch ihre Meinung und durch das, was sie ihnen vorleben; aber auch Gleichaltrige, Medien und so genannte Trendberufe werden zum Vorbild genommen und spielen eine nicht unerhebliche Rolle bei der beruflichen Orientierung von Jugendlichen.“
 
Katja Lang, Jobcenter Landkreis Emmendingen
„In Emmendingen haben wir für den familienzentrierten Ansatz ein eigenes Projektteam, das sich ständig untereinander austauscht, denn die unsichere Betreuungslage beeinträchtigt die Eltern stark. Bis zu einem Alter von etwa zwölf Jahren müssen wir das Thema Betreuung im Auge haben, danach sind viele Kinder relativ selbstständig und haben meist ein eigenes Tablet, das beispielsweise von der Schule gestellt wurde, damit sie am Homeschooling teilnehmen können.
Außerdem können wir viele Qualifizierungsmaßnahmen und in besonderen Fällen auch Einzelcoaching anbieten. Dazu gehören etwa persönliche Gespräche am Wohnort der Betroffenen oder Videoberatung. Auch die Teilnahme an abschlussorientierten Onlinemaßnahmen funktioniert entgegen anfänglichen Befürchtungen gut: Die Familien empfinden es als positiv, wenn Mütter und Kinder parallel online lernen, und für die Mütter entfällt die Pendelzeit. Oft bestätigen uns Eltern, wie wichtig es ihnen ist, Vorbild für ihre Kinder zu sein, aber sie wissen nicht, was sie konkret tun können. Mit entsprechenden Beratungsmethoden unter dem Motto Hilfe zur Selbsthilfe haben wir hier überraschende Erfolge erzielt.“
 
Weiterführende Informationen für Familien im Leistungsbezug gibt es unter https://www.arbeitsagentur.de/arbeitslosengeld-2/unterstuetzung-fuer-familien.
 
Hinweis:
Die Bundesregierung hat mit dem „Aktionsprogramm Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche“ bereits zusätzliche Unterstützungsangebote für Kinder verabschiedet. Dies soll gerade auch Kinder erreichen, die besonders durch Kitaschließungen betroffen waren und/ oder deren Eltern im Homeschooling weniger helfen konnten.

Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Regionaldirektion Baden-Württemberg, Presseinformation Nr. 19/ 2021

 

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